Bittsteller bei der Bagis

Probleme mit Arbeitsvermittlern trotz Praktikumsplatz und Aussicht auf einen Job

BREMEN. Für Michael Meininger war es die Chance. Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit und einem viel versprechenden Vorstellungsgespräch hatte der IT-Systemkaufmann die Einladung zu einem Praktikum bei einer Telekommunikationsfirma auf dem Tisch - eine spätere Anstellung nicht ausgeschlossen. Doch statt frohen Mutes loslegen zu können, musste er sich tagelang mit Mitarbeitern der Bagis herumärgern - und womöglich ging deswegen ein neuer Job sogar flöten.

Seit Ende vergangenen Jahres lebt der 27-Jährige als Hartz IV-Empfänger von 345 Euro plus Zuschuss für die Wohnung in Hastedt. "Das reicht gerade so zum Überleben", sagt Meininger. Ohne die Hilfe seiner Eltern und seiner Oma wäre der Kühlschrank so manches Mal leer geblieben. Verzweifelt suchte er nach einem neuen Job, lange jedoch erfolglos. Ein Aushang in einem gerade eröffneten Laden weckte neue Hoffnungen. Die bundesweit operierende Kette Dug AG suchte Verkäufer für ihre neuen Telefon-Läden. Meininger bewarb sich, fuhr auf eigene Kosten zum Vorstellungsgespräch und bekam eine Einladung für ein Praktikum - unter anderem am Firmenstandort in Oberkrämer bei Berlin. "Das hätte ich nicht bezahlen können."

Also wandte sich Meininger an die Bagis (Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales), zuständig für Leistungen für Arbeitslose. Und das gleich schriftlich. "Telefonisch erreicht man dort sowieso nie jemanden", hat er festgestellt. Dann wartete er. Eine Woche verging, dann eine zweite - ohne jede Reaktion. Schließlich rief sogar die Firma an und wollte wissen, was nun sei. Falls Meininger das Praktikum noch wolle, müsse er Montag anfangen. Vorausgesetzt, er schicke sofort per Fax einen Erhebungsbogen. Das Formular, das von einem Arbeitgeber ausgefüllt werden muß, ist nötig, um Leistungsansprüche zu wahren. "Also bin ich persönlich zur Bagis marschiert", erzählt der Kaufmann. Dummerweise an einem Donnerstag Nachmittag.

"Heute nur für Berufstätige", wurde er gleich im Eingangsbereich beschieden. Und was bitte sei ein Erhebungsbogen? Ein Sachbearbeiter, zu dem er sich schließlich durchkämpfte, sah keinen Grund, wegen Meininger seinen Feierabend zu verschieben. "Also musste ich am nächsten Tag wieder hin." Da bekam er schließlich seinen Bogen - "eine Sache von gerade mal vier Minuten" - und konnte tatsächlich am folgenden Montag das Praktikum in Bremen starten.

Erst danach stellte er fest, welcher Weg ihm womöglich verbaut worden war. Denn Meininger konnte zwar überzeugen und fuhr mit einer Zusage für eine Festanstellung wieder nach Hause. Nicht aber für einen der vier Dug-Läden, die bald in Bremen eröffnet werden. "Dafür hätte ich mich in der Firmenzentrale in Oberkrämer bewähren müssen." So bleibt nur ein T-Punkt, der ebenfalls von dem Brandenburger Unternehmen im Walle Center betrieben werden soll, dessen Eröffnung aber auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Vorerst bleibt Meininger also Kunde bei der Bagis.

Deren Geschäftsstellenleiter Friedemann Winter bedauert diese Pannen. "Das tut mir für Herrn Meininger sehr leid", sagt er. Eigentlich seien alle Mitarbeiter in der Lage und auch angehalten, eilige Fälle zu erkennen und vorrangig zu behandeln. Warum dies nicht geschehen sei, könne er sich nicht erklären. "Ich werde das Problem aber ansprechen und Abhilfe fordern", verspricht der Bagis-Leiter. Die personelle Belastung der Fall-Manager sei aber groß, schränkt er ein. "Routineaufgaben schaffen wir fristgerecht. Aber alles, was aus der Reihe fällt, macht uns oft Probleme", sagt Winter. Wenigstens die telefonische Erreichbarkeit soll nun deutlich verbessert werden, erklärt er. Ab Anfang des Jahres würden Anrufe zum Call Center der Arbeitsagentur geleitet - und auch beantwortet.

BETREUUNG BEI DER BAGIS

Die Bagis (Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales) ist derzeit mit einem Verwaltungsbudget von rund 35 Millionen Euro ausgestattet und beschäftigt 651 Mitarbeiter, die von der Bundesagentur für Arbeit und aus dem Landesdienst oder befristet als "Amtshilfe" aus der Beschäftigungsgesellschaft des Bundes (etwa ehemals Post, Bahn) kommen. Sie arbeiten nach einem Betreuungsschlüssel, der von der Bundesagentur empfohlen wird: Danach soll ein Sachbearbeiter bei unter 25-Jährigen für nicht mehr als 75 Fälle zuständig sein. Bei über 25-Jährigen wächst das Verhältnis auf 1:150. Beides gilt für die Förderung von Arbeitslosen. Im reinen Leistungsbereich (Auszahlung nach Hartz IV) liegt die Quote bei 1:140. Nach Angaben von Bagis-Sprecherin Angelika Wessel wird dieses Verhältnis in Bremen derzeit bei keiner der Betroffenengruppen erreicht.

Bei der Agab (Aktionsgemeinschaft arbeitsloser Bürgerinnen & Bürger), die ehrenamtlich arbeitslose Bremer berät, gehen zahllose Beschwerden über die Bagis ein. Hauptkritikpunkt: die telefonische Erreichbarkeit der Mitarbeiter. "Das ist oft und auch über Tage ein aussichtsloses Unterfangen", sagt Agab-Beraterin Ursula Stielike. Auch die häufig wechselnde Zuständigkeit der Sachbearbeiter werde beklagt. Ebenso wie schwer zu verstehende Bescheide, die nicht differenziert auflisten, was gezahlt, an- und abgerechnet werde. "Die Hälfte aller Betroffenen ist unzufrieden", hat Stielike festgestellt. Ihrer Ansicht nach sind die Sachbearbeiter durch das komplizierte Leistungssystem und zu viele Fälle oft überfordert. "Das ist für viele richtig Stress." Für den einzelnen Hilfesuchenden bleibe dann viel zu wenig Zeit.

von dem Redakteur Krischan Förster

Weser Kurier v. 02.11.2006