Freiwillig mit 345 Euro im Monat auskommen

Diakonisches Werk bietet an 14 Orten in Niedersachsen die Fastenaktion "Sieben Wochen leben mit Hartz IV" an

WIENHAUSEN. 345 Euro im Monat haben allein stehende Empfänger des Arbeitslosengeldes II zur Verfügung, davon müssen sie alles bis auf Miete und Heizung zahlen. Einige hundert Menschen in Niedersachsen wollen von heute an bis Karsonnabend freiwillig mit so wenig Geld auskommen: Sie beteiligen sich an der Fastenaktion "Sieben Wochen leben mit Hartz IV" des Diakonischen Werks Hannover.

Ziel des Projektes "Und plötzlich bist Du arm" sei nicht arme Menschen zur Schau zu stellen, betonen die Organisatoren. Die Diakonischen Werke hoffen, mit der Fastenaktion die Diskussion um Hartz IV neu zu beleben und möglichst viele Menschen zum Nachdenken zu bringen.

"Uns geht es natürlich viel besser als den Betroffenen, denn es ist nur eine zeitlich begrenzte Aktion und man kann jederzeit aussteigen", sagt Michaela Grön aus Wienhausen bei Celle. "Trotzdem wird es eine lehrreiche Erfahrung sein, was man sich noch leisten kann und was nicht." Sie will zusammen mit ihrem Mann und dem zwölfjährigen Sohn bei der Aktion mitmachen.

345 Euro gibt es für einen Erwachsenen, 311 Euro für den Partner sowie 207 Euro für Kinder unter 13 Jahren, macht für Familie Grön monatlich 863 Euro. Selten Essen gehen, Ausflüge mit dem Auto einschränken, Geburtstagsgeschenke selber basteln und vor allem bei den Lebensmitteln auf den Preis achten - so will die 33-jährige freiberufliche Kulturmanagerin in den nächsten Wochen sparen. Alle Ausgaben werden in ein Haushaltsbuch eingetragen, das auch eine Überziehungsliste für Anschaffungen enthält, die mit Hartz IV nicht drin wären. "Die gesunde Ernährung unseres Sohnes ist uns wichtig. Mal sehen, ob sich das durchhalten lässt oder wir doch mehr Geld ausgeben, als wir eigentlich dürften", sagt Michaela Grön.

Die Diakonischen Werke organisieren die Aktion in Bramsche, Soltau, Walsrode, Rinteln, Wolfsburg, Emden, Celle, Ronnenberg, Alfeld, Laatzen, Hildesheim, Diepholz, Barsinghausen und Hannover. An vielen Orten werden wöchentliche Treffen angeboten, um Erfahrungen auszutauschen oder sich über das Thema zu informieren. Besonders groß die Resonanz in Bramsche und Celle, dort machen je rund 45 Haushalte mit 100 Personen bei der Aktion mit.

Alleinstehende und Paare dominieren, nur wenige Familien sind dabei. "Einige Frauen nehmen ohne ihre Kinder teil, weil es sonst zu Konflikten um das Taschengeld kommen könnte", erzählt Heidi Niemann vom Vorbereitungstreffen in Bramsche. Auch in Celle haben sich die Teilnehmer bereits getroffen. "Besonders überrascht es die meisten Menschen, dass von den 345 Euro im Monat nach den Berechnungen des Regelsatzes 14 Prozent zur Seite gelegt werden müssen, um im Notfall zum Beispiel die Reparatur der Waschmaschine bezahlen zu können", sagt Sozialarbeiter Horst-Peter Ludwigs vom Diakonischen Werk Celle. Erstaunt zeigen sich viele Teilnehmer über die Höhe der Einzelposten, aus denen sich der Regelsatz ergibt: 17,85 Euro für Telefonate, inklusive Grundgebühr, 19,20 Euro für Fahrkarten, Benzin, Ersatzteile oder 132,71 Euro Nahrungsmittel, Getränke und Tabak.

Ludwigs hatte 1998 zur Fastenzeit "Sieben Wochen leben von Sozialhilfe" organisiert, er vergleicht: "Wir haben heute zwar mehr Anrufer, die Informationen haben wollen, aber weniger Anmeldungen. Die Befürchtung, selber einmal von Hartz IV betroffen zu sein, ist viel größer als früher die Angst, Sozialhilfeempfänger werden zu können. Dadurch sinkt die Bereitschaft, sich auf solch ein Experiment einzulassen."


Weserkurier v. 21.02.2007