"Anschlag auf die Würde des Menschen"

Oskar Negt über die Bedeutung von Arbeit und einen Staat, der sich vor der Verantwortung drückt

Die anspringende Konjunktur ändert nach Ansicht des Soziologen Professor Oskar Negt nichts an der grundlegenden Krise, in der sich die Gesellschaft derzeit befindet. Immer mehr Menschen werden in prekäre Arbeitsverhältnisse abgedrängt, gleichzeitig wächst die "Armee der Überflüssigen", die in der durchrationalisierten Produktion gar nicht mehr benötigt wird. Der Markt wird es nicht richten, behauptet Negt. Mit ihm sprach die Redakteurin Petra Sigge.

Frage: Wundert Sie das gute Abschneiden der Linken bei der Bremer Bürgerschaftswahl?

Oskar Negt: Nein, ich sehe darin vor allem eine Protestwahl gegen die etablierten Parteien. Die Menschen sind einfach verzweifelt über das Gerechtigkeitsgefälle in dieser Gesellschaft, die zwar zu den reichsten der Geschichte und der Gegenwart zählt, aber in der trotzdem jedes fünfte Kind in Armut aufwächst. Eine Gesellschaft, in der Lohn und Leistung völlig voneinander abgekoppelt sind. Da kann heute ein Spitzenmanager das Hundertfünfzigfache dessen verdienen, was ein normaler Arbeiter bekommt, ohne dass gefragt wird: Was für eine Leistung steckt denn eigentlich dahinter? Gleichzeitig wächst der Flexibilisierungs- und Lohndruck auf die abhängig Beschäftigten - und deren Angst um den Arbeitsplatz.

Ein Arbeitsplatz, der selbst dann nicht sicher ist, wenn das Unternehmen hohe Gewinne erzielt?

Genau das ist das Problem. Wenn ein Ackermann als Deutsche-Bank-Chef sich hinstellt und mit sechs Milliarden Euro den höchsten Gewinn in der Unternehmensgeschichte verkündet und gleichzeitig den Abbau von 6000 Stellen vorbereitet, dann ist das zutiefst unmoralisch. Ein solcher Umgang führt dazu, dass die Gesellschaft auseinander bricht.

In Beschäftigte und Arbeitslose?

Ich würde von einer Dreiteilung der Gesellschaft sprechen. Nur noch ein Drittel der Bevölkerung ist integriert, hat einen festen Arbeitsplatz und fühlt sich wohl in dieser Gesellschaft. Für das zweite Drittel steht das Stichwort Prekarisierung der Lebensverhältnisse. Diese Menschen müssen von Vertrag zu Vertrag, von Job zu Job um ihre Existenz kämpfen. Dieser Anteil hat in den letzten zehn Jahren gewaltige Ausmaße angenommen.

Bleiben noch die Arbeitslosen.

Sie stellen die wachsende Armee der dauerhaft Überflüssigen. Sie werden im Grunde in der heutigen modernen Warenproduktion nicht mehr gebraucht.

Das heißt, aussortiert für immer?

Ja, sie sind für den Produktionsprozess einfach nicht mehr nützlich. Und das hat fatale Folgen für die Betroffenen. Nach meinen Recherchen über Arbeitslosigkeit zeigt sich ganz klar, dass der Verlust des Arbeitsplatzes als Gewaltakt empfunden wird, als ein Anschlag auf die Integrität, die Person und die Würde des Menschen. In dieser Arbeitsgesellschaft ist Arbeit nun mal ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Identität. Sie ist ein wesentliches Mittel der Anerkennung, des sozialen Status und des Selbstwertgefühls. In der öffentlichen Diskussion jedoch wird die Arbeitsmarktproblematik nur als technisches Problem gesehen. Der moralische Aspekt, dass es hier immer auch um die Zerstörung von Lebensperspektiven geht, wird dagegen unterschlagen, er wird überhaupt nicht ernst genommen. Auch nicht in den Gesprächsrunden bei Sabine Christiansen, die ja heute so etwas wie eine Leitform dafür abgibt, was die Politik aktuell bewegt.

Aber dort wird doch auch heftig über die Unterschicht oder Hartz IV-Probleme debattiert.

Das ist alles nur "öffentliche Phraseologie". In Wahrheit haben die Politiker aufgrund ihrer eigenen abgesicherten Lebenssituation gar kein Empfinden für die Krisen außerhalb ihres persönlichen Umfeldes. Es gibt da eine Art Leerstelle in ihrer Realitätswahrnehmung.

Quer durch alle Parteien?

Ja, zumindest bei den etablierten Parteien wird diese Wirklichkeit unterschlagen. Stattdessen suchen die Politiker lieber die Nähe zur Wirtschaft. Die meisten kommen nach ihrem Ausscheiden aus der Politik in irgendeinem Unternehmen unter. Schon daran zeigt sich die enge Verflechtung. Statt zu schauen, wo liegen die Probleme in der Gesellschaft und wie lassen sie sich lösen, macht sich die politische Klasse heute die Probleme der Wirtschaft zu eigen. Die Gutwilligen sind dabei der Auffassung, wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es der Gesamtwirtschaft gut.

Ist das der Grund für die erneute Senkung der Unternehmenssteuern?

Das ist das Festhalten an einer Ideologie, die schon Kanzler Helmut Schmidt durch die Lande getragen hat, dass die Gewinne von heute die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen sind. Das stimmt ja überhaupt nicht mehr.

Tatsache ist aber doch, dass derzeit eine gute Konjunkturprognose die nächste jagt. Offenbar wird ja nun alles besser.

Vorübergehend ja. Dies ändert aber nichts daran, dass sich die Arbeitsgesellschaft in einer sehr tiefen Krise befindet. Für diejenigen, die für den Warenmarkt produzieren, also Gebrauchsgüter wie Autos oder Maschinen, wird der Rationalisierungsdruck immer stärker. Mit der Folge, dass immer mehr Menschen aus dieser Form der Produktion ausscheiden.

Aber diese Entwicklung wird doch keine Regierung - gleich welcher Couleur - aufhalten können.

Nein, aber die Politik muss sich endlich von der vorherrschenden Ideologie verabschieden, dass alle Probleme über den Markt gelöst werden müssen. Wenn an dieser Ideologie weiterhin festgehalten wird, dann glaube ich, geht ein Teil dessen verloren, was in der traditionellen Politik enthalten war und was im Sozialstaat der Nachkriegszeit sichtbar geworden ist. Damals waren sich parteiübergreifend alle Beteiligten einig: Es darf nie wieder passieren, dass die wirtschaftlich Mächtigen ohne demokratische Kontrollen ihre Macht ausüben. Tatsächlich aber fallen die wichtigen Entscheidungen heute in den Konzernzentralen. Und statt die staatlichen Eingriffe zu verstärken, stiehlt sich der Staat heute immer weiter aus der sozialen Verantwortung.

Inwiefern?

Es werden Krankenhäser privatisiert, Privatschulen und -universitäten gegründet - sogar Kirchen werden inzwischen verkauft. Es findet eine Verschleuderung und Versteigerung der öffentlichen Substanz auf allen Ebenen statt.

Weil privates Handeln als effizienter gilt?

Weil dieser Privatisierungswahn die Mentalität enthält, dass die Summe der betriebswirtschaftlich rationalisierten Betriebe das Gemeinwohl ausmacht. Das ist eben ein großer Irrtum, wenn man es volkswirtschaftlich betrachtet. Denn letztlich geht es immer nur um Kostenverschiebungen: Wer heute an der Bildung spart, wird in zehn Jahren mehr für Polizei und Gefängnisse ausgeben müssen, wie etwa die Entwicklung in den USA zeigt.

Und was soll der Staat tun, wenn er sich nicht darauf verlassen kann, dass es der Markt schon richten wird?

Er müsste selbst Arbeitsplätze schaffen. Arbeit gibt es reichlich, ob im Bereich Bildung, Alten- und Jugendpflege oder auch im Natur- und Umweltschutz. Dieses gemeinwesenbezogene Arbeitspotenzial wird heute noch weitgehend ehrenamtlich geleistet. Die Aufgabe des Staates wäre es, diese ehrenamtliche Tätigkeiten in Erwerbsarbeit umzuwandeln.

Und woher soll das Geld dafür kommen?

Das ist eine Frage, wie die Mittel, die kollektiv erarbeitet werden, in der Gesellschaft verteilt werden. Geld ist genug da. Man muss es sich nur holen. Etwa durch die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, neue Erbschaftsgesetze oder auch den Verzicht auf Milliardensteuergeschenke für die Unternehmen.

Das sind aber Forderungen, wie sie im Augenblick nur die Linken erheben.

Stimmt, die SPD traut sich an die Reichen nicht ran. Es wird der Politik aber nichts anderes übrig bleiben, als hier umzusteuern. Wenn nicht, wird es irgendwann auch bei uns solche Aufstände wie in den französischen Vorstädten geben. Dort hat die Regierung Milliarden in die Sanierung dieser Gebiete gesteckt. Doch das nützt alles nichts, wenn man den Menschen keine Lebensperspektive bietet. Jeremy Rifkin hat einmal gesagt: Es ist schlimm, wenn Menschen ausgebeutet werden, aber viel schlimmer ist es, wenn sie selbst dafür nicht mehr benötigt werden.

ZUR PERSON

Der Soziologe Oskar Negt gilt als einer der einflussreichsten politischen Intellektuellen in Deutschland. Am 1. August 1934 in Ostpreußen geboren, studierte er zunächst Rechtswissenschaften und Philosophie in Göttingen. Sein Studium der Soziologie beendete er in Frankfurt/Main, wo er 1962 bei Theodor W. Adorno promovierte. Negt war Assistent von Jürgen Habermas, bevor er 1970 an der Universität Hannover auf den Lehrstuhl für Soziologie berufen wurde. Dort blieb er bis zu seiner Emeritierung vor fünf Jahren. Unter anderem war er kulturpolitischer Berater des früheren Kanzlers Gerhard Schröder. In seinen zahlreichen Büchern und Aufsätzen befasst sich Negt vor allem mit der Organisation der Arbeitswelt. Sein neuestes Buch, "Der politische Mensch", soll im Herbst erscheinen.


Weserkurier v. 02.06.2007